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Text zur Ausstellung

OTTO MUEHL. LEBEN / KUNST / WERK
Aktion Utopie Malerei 1960–2004

"kunst ist nicht abgebildete,
kunst ist gemachte wirklichkeit.
der künstler ist erfinder neuer wirklichkeiten. "
Otto Muehl, 2003

Das Bemerkenswerte am Werk Otto Muehls ist eben jene Auffassung, durch Kunst Wirklichkeiten zu erweitern, Wirklichkeiten zu erzeugen und die Dimension des Erlebens auszudehnen. Otto Muehls zentrales ästhetisches Anliegen ist es, die Wirklichkeit zu gestalten, Bruchstücke einer als normativ begriffenen Realität zu neuer subversiver Bedeutung zusammenzusetzen. Denn „Kunst nimmt Stellung zum Leben“.

AKTION
In ganz Europa nahmen junge Künstler Ende der 60er Jahre Protesthaltung gegenüber dem bürgerlichen Establishment ein. Bourgeoises Kunstempfinden und starre Gesellschaftsstrukturen forderten den Widerstand einer ganzen Generation heraus. Auf unterschiedlichen Wegen suchte sie Neuansätze und entwickelte Konzepte: statt in Ateliers wurde ortspezifisch gearbeitet. Kunst und Leben sollten sich vermischen. Bei den Wiener Aktionisten, die sich in den sechziger Jahren in Wien zu einer Gruppe zusammengeschlossen hatten, nahm der gewaltige Paradigmenwechsel dieser Jahre eine besonders radikale Form an. Otto Muehl, 1925 geboren, war mehr als zehn Jahre älter als die übrigen Vertreter des Wiener Aktionismus (Günter Brus, Hermann Nitsch, Rudolf Schwarzkogler). Aber er war als Späteinsteiger zugleich mit ihnen aus dem westlichen Informel „ausgestiegen“ und Mentor wie treibende Kraft der Anfang der sechziger Jahre in Wien entstandenen Szene. Alle vier kämpften für den Gesellschaftswandel unter Einsatz ihrer Person, und zwar durch Aktionen, die zwischen bildender Kunst, Theater, Kabarett, Lehrveranstaltungen, politischen Demonstrationen und religiösem Ritual standen. Die Wiener Aktionisten suchten die Utopie, wollten die Gesellschaft verändern, kämpften gegen bürgerlich-akademische Kunstkonzepte.

Otto Muehl nimmt in einer Übersicht der Facetten des Wiener Aktionismus eine besondere Stellung ein. Er ist Energetiker und Kommunikator. Die Aktion und der aktionistische Gestus hatten sich bei Muehl aus einer kurzen, aber umso intensiveren Beschäftigung mit der informellen Malerei und der Gerümpelplastik sowie einer Auseinandersetzung mit dem taktilen Farbauftrag van Goghs, Gerstls oder Pollocks und der Materialstrategie von Schwitters entwickelt. Im Zentrum steht dabei eine hedonistische Auffassung der Aktion als Überwindungsstrategie des Repräsentativen in der Kunst auf dem Weg zum direkten und positiven Erleben der Existenz. Die Kunst Muehls besteht aus einer energetischen Sicht der chaotischen, improvisierten Aktion als positive Selbstbefreiung. Die hemmungslose Verwendung und Entzweckung von profanen Materialien ist ein Spiel mit den Zeichen der Konsumwelt, die sinnliche Verwendung des Materials und auch des menschlichen Körpers als Material zielt auf auf die Enttabuisierung von Sexualität.
Am Beispiel von Materialbildern, Collagen, Fotodokumentationen und Filmen der Aktionen und Originaltexten Muehls wird diese Position in der Ausstellung vorgestellt.

UTOPIE
Einen wichtigen Schritt in Muehls künstlerischer Entwicklung bildete Anfang der siebziger Jahre die Umsetzung der Idee „Kunst ins Leben“. 1972 schreibt er: „Ich will alles ins Leben überlaufen lassen. Und ich muss sagen, es geht, es geht. Ich will Zauberer werden.“
Muehl geht es um „Direkte Kunst“, also eine Agitation durch Kunst, nicht politisch verstanden, sondern direkt das Existentielle berührend und thematisierend. In den späten Arbeiten Muehls ist das Repräsentative der Kunst bereits in einem Maße zerbrochen, dass eine Weiterführung der Aktionen de facto sinnlos wurde. In diesem Moment begann der Transponierungsprozess der aktionistischen Erfahrungen in das Konzept der „Aktionsanalyse“ als Basis einer Gegengesellschaft. Muehl gründet die Kommune am Friedrichshof, zunächst AAO – „Aktionsanalytische Organisation“ genannt, die sich als therapeutische Gruppe mit dem Ziel versteht, die durch die Erziehung in der Kleinfamilie entstandene Schädigung aufzuheben und in der Gruppe zu einer sozialen Identität zu gelangen. Die Kommune war in ihrer Ausformung ein einzigartiges Experiment einer alternativen Lebensform und unter den europäischen Kommunen der siebziger und achtziger Jahre unvergleichbar. Sie war der idealistische Versuch, die Welt durch Kunst zu verändern. In letzter Konsequenz jedoch musste dieser anarchistische Vorstoß als Staat im Staat scheitern und Utopie bleiben. Die Kommune wird in der Ausstellung nicht neu bewertet. Vielmehr sollen die ihr zugrunde liegenden Ideen wie Förderung gestalterischer Kreativität, kollektives Eigentum, freie Sexualität, gemeinsames Kinderaufziehen und Weiterentwicklung der Aktionsanalyse zur analytischen Selbstdarstellung zur Diskussion gestellt werden. Dies geschieht vor allen Dingen anhand von Manifesten und Texten aus der Zeit sowie einer umfassenden Kommunechronologie.


MALEREI
Otto Muehls Malerei ist der Hauptteil der Ausstellung gewidmet. Zum ersten Mal überhaupt wird sie in ihrer ganzen Bandbreite von den Anfängen bis heute präsentiert und somit in ihrer Entwicklung veranschaulicht. Deutlich wird dabei, dass sich Muehl in experimenteller Weise stets mit dem Medium an sich, mit seinen Grenzen und Möglichkeiten auseinander setzte.
Mit den akademischen Bildern um 1954 setzt die Übersicht ein, während sie weiter belegt, wie sehr Muehls aktionistisches Werk der sechziger Jahre nicht nur von den eigenen Kriegserlebnissen, sondern gerade auch von dem Werk van Goghs abhängig war. Aus Muehls stark pastosen Materialbildern, die profane Tagesabfälle mitverwerten, folgt nach 1962 die Destruktion des herkömmlichen Tafelbilds und schließlich der Schritt aus dem Rahmen ins Räumliche der „Gerümpelskulptur“. Nach einer Pause in den Gründungsjahren der Kommune beginnt Otto Muehl 1974 wieder intensiv zu malen. Erste Landschaften mit Motiven des Friedrichshofs und dessen Umgebung entstehen, wie die Landschaft seither durchgängig ein wichtiges Thema des Künstlers bis hin zur völligen Abstraktion bleibt. Daneben entstehen Selbstporträts sowie Bilder, die Jazzmusik und Tanz verarbeiten. Politischer sind Muehls Hitler- und Stalinporträts der achtziger Jahre, spannend aber auch seine Interpretationen von Bildern van Goghs, die er mit kraftvollem Duktus in Leuchtfarben ausführt. Nach Verbüßung einer mehrjährigen Haftstrafe setzt Otto Muehl sich in seiner Malerei besonders kritisch mit dem österreichischen Staat und dessen politischen Repräsentanten auseinander. Daneben entstehen Materialbilder mit Eiern, Urin und Kot.
Das weite Spektrum der gezeigten Arbeiten führt vor Augen, wie er dabei – zwischen den Polen Naturalismus und Abstraktion – ein Werk hervorbrachte, das sich jeder Kategorisierung entzieht. Ebenso anschaulich wie seine Beschäftigung mit formalen Fragen der Bildgestaltung wird Otto Muehls Interesse für das Material an sich.

Seit 2001 entwickelt Muehl mit seinen „Electric Paintings“ („electric painting ist Malerei mit elektrischem Licht“) ein für ihn völlig neues Genre. In diesen Arbeiten – von denen die Ausstellung auch eben erst vollendete präsentiert – bezieht er Aktionen, Fotografie, filmische Momente, Computerbilder und Töne mit ein. In dem die elektronisch gemalte Collage die gleichen Ziele wie ihre künstlerischen Vorgänger verfolgt, nämlich „die Begegnung zweier unvereinbarer Wirklichkeiten“ resümiert Otto Muehl inhaltlich wie gestalterisch sein eigenes künstlerisches Werk.


Mit dieser Personale setzt das MAK seine Auseinandersetzung mit dem Thema Aktionismus/Performance und dabei insbesondere mit Otto Muehl fort: 1998 wurde die Ausstellung „Otto Muehl 7“ gezeigt, die anlässlich der Entlassung des Künstlers aus dem Gefängnis die in sieben Jahren Haft entstandenen Zeichnungen und Bilder präsentierte.



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